frühe lyrische Dichter

 

 

In der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts war die lyrische Chordichtung bereits im Werk von Alkman (Chorlyriker des 7. Jahr. V. Chr. aus Sparta, ältester Dichter des alexandrinischen Kanos der neuen Lyriker) her- angereift und ausgebildet, und noch vor dem Ende des Jahrhunderts wachsen die Meister des Einzelliedes, Alkaios (um 630 v. Chr. in Mytilene auf Lesbos, antiker griechischer Lyriker, der wichtigste Vertreter der äolischlyrischen Poesie. Er gehört zum alexandrinischen Kanon der neun Lyriker) und Sappho (630 v. Chr.) antike griechische Dichterin, bedeutendste Lyrikerin des klassischen Altertums und hat kanonische Bedeutung. Sappho lebte in Mytilene auf der SporadenInsel Lesbos, dem kulturellen Zentrum des 7. vorchristlichen Jahrhunderts). auf Lesbos heran. Alkman lebte und dichtete in Sparta, aber noch in einer glücklicheren Gesellschaft als sie Sparta später kennengelernt hat. Er wurde wahrscheinlich in Sardes geboren, war aber sicherlich Grieche und kein Lyder. Für die einfachen Freuden des Lebens, die eine so attraktive Eigenheit des archaischen Griechenland wie so vieler früher Gesellschaften sind, nimmt Alkman unter den Dichtern einen besonderen Platz ein. »Oft, wenn auf den Berggipfeln die Götter ihre Festtage mit einem goldenen Eimer voll Löwenmilch feiern, dann formierst Du mit Deinen Händen ein großes, ungebrochenes Stück Käse für Hermes.« In dieser Phantasie werden die Götter sehr heiter dargestellt; die vertraute menschliche bäuerliche Handlung des Käseherstellens wird einfach auf die Welt der Götter übertragen, wo die Eimer aus Gold sind, Feste auf Berggipfeln stattfinden und die Milch von Löwinnen kommt.

 

Alkmans berühmtestes Gedicht und gleichzeitig das längste Fragment, das wir von ihm besitzen, wurde für ein Weihefest junger Mädchen, ein nächtliches Tanz‑ und Singritual mit stark bäuerlichem Einschlag geschrieben. Schon seine Lebendigkeit und sein Charme sind bemerkenswert, aber besonders die scherzhafte Unverblühtheit vermittelt die intime Atmosphäre einer kleinen lokalen Feier. Wenn eine gewagte Vermutung von Prof. Huxley richtig ist, was ich glaube, dann wurde ein anderes Fragment von Alkman sogar für das Ritual eines Schwimm‑ und Tauchfestes von Mädchen geschrieben: »Nicht länger, süß singende Jungfrauen mit lieblichen Stimmen, wollen mich meine Glieder tragen. Ich wünschte, ich wäre ein Kerylos, der mit den Eisvögeln über die Gischt der Wellen fliegt, glücklich im Herzen, meerespurpurner heiliger Vogel.
« Die Eisvögel sind in dieser Interpretation die spartanischen Mädchen, ebenso wie sie sich selbst im Gedicht für die nächtlichen Tänze als Pferde bezeichnen. Der Kerylos war ein Vogel, dem die Eisvögel der Legende nach in seinem Greisenalter beistanden.

 

Die Lieder der Sappho und in geringerem Maß die des Alkaios drücken persönliche Gefühle in genauen Einzelheiten aus. Mit einer Sorglosigkeit und einem vornehmen Selbstvertrauen, das dem aristokratischen Leben in jener Zeit eigen ist, singt Sappho aus ihrem Herzen, spielerisch und mit gefälliger formaler Vielfältigkeit, aber niemals auf Kosten der Klarheit. Sie erzählt uns die Einzelheiten ihres Liebeslebens, die manchmal bis zu einem gewissen Grad an die Schwärmereien einer Klosterschülerin erinnern. Archilochos sagt uns vielleicht ebensoviel, aber ohne Anspielungen und ohne die Gefühle so leidenschaftlich zu beschreiben. Auch er vermittelt Leidenschaft, sogar stärker und mit weniger Worten, aber Sappho ist wehmütiger und sehnsüchtiger, sie ist eher eine empfindsame als eine starke Dichterin, obwohl sie beides in sich vereinigt.

 

Mytilene, die Hauptstadt von Lesbos, taumelte zu Lebzeiten von Sappho und Alkaios von einer Tyrannei zur anderen. Die Brüder des Alkaios kämpften schon um 610 v. Chr. für Pittakos gegen einen Tyrannen, und 606 v. Chr. kämpfte Alkaios selbst unter Pittakos gegen athenische Kolonisten. Den nächsten Tyrannen, Myrsilos, hasste er sehr und ging nach einem missglückten Versuch, ihn zu beseitigen, ins Exil. Aber noch Schlimmeres folgte: Pittakos ließ die im Exil Lebenden im Stich und schloss sich Myrsilos an. Alkaios ging irgendwann nach Ägypten und Sappho nach Sizilien. Alkaios kannte Thrakien und hatte Beziehungen zu den Lydern. Sapphos Familie besaß einst Land auf dem Festland in Kleinasien, ihr Bruder trieb in Naukratis in Ägypten Handel. Der Bruder von Alkaios kämpfte als Söldner für den König von Babylon. Sapphos Freundinnen kamen aus Orten wie Kolophon und Milet, eine verschwand in Lydien.

 

Man kann ein solches Leben kaum als gewöhnlich bezeichnen, denn es waren Privilegierte. Sapphos Hochzeitslieder und die politischen Lieder von Alkaios waren ein wesentlicher Bestandteil der griechischen Literatur in ihrer frühen Blütezeit. In den meisten ihrer Lieder verwenden beide eine Vielfalt vierzeiliger Strophenformen mit gleichem Versmaß, aber sehr verschiedener Wirkung. Es ist unmöglich, die musikalische Geschichte dieser einfach erscheinenden Formen zurückzuverfolgen oder herauszufinden, in welchem Ausmaß sie populär waren, d. h. variierbare Volkskunst, oder inwiefern sie das Werk bewusst schaffender einzelner Künstler darstellten. Es gibt da nicht unbedingt einen grundlegenden Unterschied. Jedenfalls ist bekannt, dass die lesbische Strophenform einer besonderen und sehr alten musikalischen Tradition angehört, die sich in diesem besonderen Dialekt entwik- kelte. Man vermutet, dass dieselbe Tradition dem Hexameter, dem epischen Versmaß zugrunde liegt, was aber zweifelhaft bleibt. Man kann lediglich sagen, dass eine reiche Tradition an Liedversmaßen vorhanden war und dass ihre Verwendung durch Sappho und Alkaios eine besondere Entwicklungsstufe darstellte. Ihre Zugehörigkeit zum Adel und ihre soziale Stellung bestimmten bis zu einem gewissen Grad die Behandlung der Themen. Ähnliche vierzeilige Strophen wurden 100 Jahre später in Athen verwendet; viele politische Verse sowohl der letzten Aristokraten als auch der Demokraten wurden in diesem Versmaß verfasst. Da Bittgebete an die Götter und seit Alkaios auch Hymnen in diesen Strophen geschrieben wurden, ist es gut möglich, dass gerade in den Hymnen ihr Ursprung lag. Es kann leicht sein, dass die Aristokraten des 7. Jahrhunderts als erste die Strophenform des traditionellen Gesangs zum politischen und auch ganz privaten Gebrauch verwendet haben und dass sie auch zuerst lange Lieder aus miteinander verbundenen Strophen aufgebaut haben.

 

Lyrische Dichtung und Arbeitslieder gab es bereits vor Homer, und das hoch entwickelte rhythmische Gefühl der frühen griechischen Dichter scheint Kleinasien manches zu verdanken. Die Länge einer Strophenform ist die eines menschlichen Atemzuges. Die Vielfalt der Formen, die sich mindestens im 5. Jahrhundert zu vermischen begannen, verdankt ihre Existenz der beträchtlichen, aber nicht vollständigen Isolation so vieler Inseln und der Verschmelzung so vieler Traditionen in Kleinasien. Wir dürfen den persönlichen Beitrag der vergleichsweise wenigen Dichter, die wir heute zufällig kennen, nicht überschätzen.

 

 

 

 

     
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